Weg mit den Chefs? Oder endlich richtige Führung.

Der Empfang beim deutschen Hersteller für Hochleistungspolymere für Bewegung, igus, ist hell, offen, geschäftig. Menschen kommen rein, gehen raus, Produktionshallen mit transparentem Einblick im Hintergrund. Und dann hängt ein Aushang da. Unübersehbar. Orange. Klar. Vielleicht auch provokant.

„Weg mit den Chefs!
Her mit den Kunden!
Jeder ist Manager!!!“

Ich bleibe stehen. Lese es ein zweites Mal. Und ein drittes. Nicht, weil ich es nicht verstehe. Sondern weil es etwas in mir auslöst. Dieses typische Ziehen zwischen Zustimmung und Skepsis. Zwischen starkes Statement und gefährliche Verkürzung.

Ich war an diesem Tag dort, um ein Führungskräfte-Meeting co-kreativ zu moderieren. Mittelstand. Kein Start-up. Kein Hipster-Loft. Sondern ein etabliertes deutsches Unternehmen in Köln, das seit Jahrzehnten erfolgreich ist. Genau deshalb wirkt dieser Satz so stark. Und genau deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

Die eigentliche Frage hinter der möglichen Provokation

Denn die eigentliche Frage lautet nicht: Brauchen wir noch Chefs?

Die eigentliche Frage ist: Was verstehen wir heute und morgen überhaupt unter guter Führung?

In vielen Organisationen ist das Pendel weit ausgeschlagen. Weg von Hierarchie. Weg von Macht. Weg von klassischen Rollenbildern. Und ehrlich gesagt: Ich verstehe das gut. Zu viele Unternehmen haben Führung über Jahre mit Kontrolle verwechselt. Mit Mikromanagement. Mit Ansage statt Zuhören. Mit Status statt Verantwortung.

Jeder ist Manager klingt da wie eine Befreiung. Endlich Eigenverantwortung. Endlich Kundennähe. Endlich Tempo. Endlich Entscheidungen dort, wo sie hingehören.

Und ja: Genau das brauchen Unternehmen heute mehr denn je im Digitalzeitalter.

Warum Selbstorganisation oft an Führung scheitert

Aber hier beginnt die unbequeme Wahrheit, über die kaum jemand spricht.

Selbstorganisation scheitert nicht an fehlenden Prozessen. Sie scheitert oft an fehlender Führung. Nicht an zu viel Führung. An der falschen.

Ich habe in den letzten Jahren viele Organisationen begleitet, die sich auf den Weg gemacht haben. Flachere Hierarchien. Mehr Verantwortung in den Teams. Weniger klassische Führungsebenen. Und fast immer taucht irgendwann derselbe Moment auf.

Ein Moment, in dem es still wird. Keine Entscheidungen. Keine Konflikte. Keine Klarheit. Alle sind freundlich. Alle sind engagiert. Alle wollen das Beste. Und trotzdem hängt etwas in der Luft. Unausgesprochen. Diffus. Zäh.

Früher hätte man gesagt: Der Chef entscheidet jetzt. Heute schaut man sich an. Wartet. Hofft, dass das Team es regelt.

Und genau hier wird Führung plötzlich unsichtbar. Aber nicht überflüssig.

„Ich soll loslassen, aber das fühlt sich an wie Wegducken“

Ich erinnere mich an eine Situation aus einem Workshop mit einem Führungsteam. Offiziell selbstorganisiert. Offiziell ohne klassische Hierarchie. Nach außen wirkte alles modern, agile Methoden im Einsatz, auf Augenhöhe. Intern aber war klar: Entscheidungen wurden vertagt. Verantwortung zirkulierte. Konflikte wurden umschifft.

In der Pause kam eine Führungskraft zu mir und sagte leise:

„Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht mehr, was meine Rolle hier ist. Ich soll loslassen, aber irgendwie fühlt es sich an wie Wegducken.“

Dieser Satz hat sich eingebrannt. Weil er so ehrlich ist. Und weil er ein Missverständnis auf den Punkt bringt, das ich immer wieder erlebe.

Führung abschaffen heißt nicht, Verantwortung auflösen. Es heißt, sie neu zu gestalten.

„Jeder ist Manager“, ein Satz mit mehr Tiefe, als er zeigt

Der Aushang liefert dafür einen entscheidenden Hinweis. Ganz unten, fast unscheinbar, steht eine Definition:

„to manage = etwas erfolgreich zu Ende bringen“

Nicht anweisen. Nicht kontrollieren. Sondern Verantwortung übernehmen, damit etwas gelingt. Wenn jeder Manager ist, heißt das nicht, dass jeder Chef ist. Es heißt: Jeder trägt Verantwortung für Wirkung.

Und genau da kommt Führung wieder ins Spiel. Nicht als Machtinstanz. Sondern als Möglichmacher. Als Raumhalter. Als jemand, der Orientierung gibt, wenn es unübersichtlich wird. Als jemand der Umfeld schafft, in dem entsprechendes Agieren angstfrei (Stichwort „psychologische Sicherheit“) möglich ist.

Warum Teams trotzdem Führung brauchen

Ein Fußballteam voller Profis. Jeder weiß, wie man spielt. Jeder ist hochqualifiziert. Und trotzdem gibt es einen Trainer. Nicht, weil die Spieler unfähig wären. Sondern weil jemand das Ganze im Blick behält. Niemand käme auf die Idee zu sagen: Weg mit dem Trainer. Jeder ist Spieler.

Warum glauben wir dann, dass Organisationen ohne diese Rolle funktionieren?

Führung wird nicht weniger, sondern anspruchsvoller

Die Führungskraft der Zukunft ist kein Chef im klassischen Sinne. Aber sie ist auch nicht unsichtbar. Sie ist präsent. Klar. Ansprechbar. Und bereit, Verantwortung zu übernehmen, wenn es notwendig ist.

Das bedeutet nicht, ständig einzugreifen. Sondern sehr bewusst zu entscheiden, wann man führt und wann man Raum gibt.

In meiner Arbeit als ehemalige Führungskraft, Moderator, Coach und Facilitator erlebe ich immer wieder, wie entlastend das für Teams ist. Wenn jemand da ist, der den Rahmen hält. Der Spannungen anspricht. Der dafür sorgt, dass nichts unter den Tisch fällt.

Drei Gedanken aus der Praxis

  • Übernimm Verantwortung für Klarheit, auch wenn niemand dich darum bittet. Kläre für dich selbst, wofür du Verantwortung übernimmst, auch wenn niemand dich darum bittet. Führung beginnt dort, wo jemand den Raum hält, wenn es unbequem wird.
  • Sprich Spannungen aus, bevor sie sich festsetzen. Selbstorganisation braucht Klarheit, nicht Harmonie.
  • Erkläre Entscheidungen, damit sie verstanden werden. Transparenz ersetzt Hierarchie nicht, aber sie macht sie verstehbar.

Was bleibt von Führung, wenn Titel, Status und klassische Rollen leiser werden? Und was davon braucht deine Organisation gerade wirklich?

Vielen Dank an igus fürs Aufrütteln und die Inspiration für diesen Impuls! Mehr !mpulse für Deine Persönlichkeits- und Organisationsentwicklung findest Du hier.

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